Kristallschädel: Die Geschichte einer Fälschung

Der Kristallschädel des British Museum, lebensgroß aus Bergkristall geschliffen, vor schwarzem Hintergrund

Der berühmteste Kristallschädel der Welt liegt in London, und er ist keine 3.000 Jahre alt. Er ist nicht einmal 200 Jahre alt.

Wer sich für Edelstein-Totenköpfe interessiert, stößt fast zwangsläufig auf die Erzählung von den dreizehn aztekischen Kristallschädeln, die zusammengeführt das Wissen der Menschheit freigeben sollen. Die Geschichte ist gut erzählt. Sie ist nur nachweislich erfunden, und zwar erst im 19. Jahrhundert. Das Erstaunliche daran: Was wirklich passiert ist, ist die interessantere Geschichte.

Der Schädel im British Museum

1897 kaufte das British Museum einen lebensgroßen Schädel aus Bergkristall vom New Yorker Juwelier Tiffany & Co. Als Herkunft galt das vorkolumbische Mexiko. Ein zweiter, ähnlicher Schädel landete in Paris, im damaligen Musée d'Ethnographie du Trocadéro, dem heutigen Musée du quai Branly.

Kristallschädel aus dem Musée du quai Branly in Paris, Frontalansicht
Der zweite Schädel, heute im Musée du quai Branly in Paris. Auch er lief über die Hände von Eugène Boban. Foto: Marie-Lan Nguyen, gemeinfrei.

Beide Stücke haben einen gemeinsamen Vorbesitzer: Eugène Boban, einen französischen Antiquitätenhändler, der im Mexiko des 19. Jahrhunderts tätig war und einen erheblichen Teil seines Geschäfts mit mesoamerikanischen Objekten machte. Über seine Hände liefen mehrere der heute bekannten Schädel.

Der Fund, den es nie gab

Der bekannteste Schädel überhaupt trägt den Namen Mitchell-Hedges. Die Erzählung dazu geht so: Anna Mitchell-Hedges habe ihn 1924 an ihrem siebzehnten Geburtstag in den Ruinen von Lubaantun in Britisch-Honduras entdeckt, dem heutigen Belize.

Die Aktenlage sagt etwas anderes. Der Abenteurer F. A. Mitchell-Hedges erwarb den Schädel 1943 in London bei einer Auktion von Sotheby's, vom Kunsthändler Sydney Burney. Der Vorgang ist dokumentiert. Die Fundgeschichte tauchte erst Jahre später auf.

Was das Mikroskop zeigte

Ab den 1990er Jahren wurden die Stücke systematisch untersucht, maßgeblich von der Anthropologin Jane MacLaren Walsh von der Smithsonian Institution. Die Ergebnisse erschienen 2008.

Unter dem Elektronenmikroskop zeigten die Oberflächen regelmäßige, parallel verlaufende Riefen. Solche Spuren hinterlässt ein rotierendes Schleifrad. Vorkolumbische Steinbearbeitung in Mesoamerika arbeitete dagegen mit Handwerkzeugen, mit Schnur, Sand und Wasser, und hinterlässt ein völlig anderes, unregelmäßiges Bild.

Die Schädel wurden also auf Maschinen geschliffen, die es in der angeblichen Entstehungszeit und Region nicht gab.

Kristallschädel im British Museum mit Hinweisschild zur Datierung ins späte 19. Jahrhundert
Das Museum zieht die Konsequenz selbst: Auf dem Schild in der Vitrine steht heute „Rock crystal skull, late 19th century“ und der Hinweis, dass das Stück ursprünglich für aztekisch gehalten wurde. Foto: Vassil, CC0.

Die Spur führt nach Deutschland

Bleibt die Frage, wo sie dann entstanden sind. Die naheliegendste Antwort führt nach Idar-Oberstein im Hunsrück.

Der Ort war im 19. Jahrhundert das Zentrum der europäischen Edelsteinschleiferei. Als die heimischen Achatvorkommen erschöpft waren, importierten die Betriebe Rohmaterial aus Brasilien, darunter große Mengen Bergkristall. Die Werkstätten verfügten über wassergetriebene Schleifräder und über das Können, aufwendige Formen zu schneiden.

Kupferstich eines Edelsteinschleifers an einem fußbetriebenen Schleifrad
Ein Steinschneider an seinem fußbetriebenen Schleifrad. Kupferstich von B. L. Prevost nach J. N. F. Boucher, 18. Jahrhundert. Genau solche Räder hinterlassen die parallelen Riefen, die man an den Schädeln gefunden hat. Wellcome Collection, CC BY 4.0.

Ein lückenloser Nachweis für einzelne Stücke fehlt, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Aber Material, Technik und Zeitpunkt passen zusammen, und diese Zuordnung gilt heute als die wahrscheinlichste.

Technisch hat sich seitdem wenig geändert. Auch die Totenköpfe aus Stein, die man heute kaufen kann, unsere eingeschlossen, entstehen an rotierenden Rädern. Der Unterschied ist nur, dass niemand behauptet, sie seien dreitausend Jahre alt.

Warum das Motiv trotzdem trägt

Man könnte nun sagen, damit sei die Sache erledigt. Ist sie nicht. Sie verschiebt sich nur.

Der Schädel als Gegenstand zum Nachdenken ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. In der buddhistischen Praxis gibt es dafür einen eigenen Begriff, maranasati, die Betrachtung der Sterblichkeit als Übung. In Europa liegt derselbe Gedanke auf den Schreibpulten der Gelehrten. Auf Dürers Darstellung des Hieronymus im Gehäus steht der Schädel zwischen den Büchern, nicht als Drohung, sondern als Maßstab. Er sortiert, was im Leben wirklich dringend ist.

Albrecht Dürer, Hieronymus im Gehäus, Kupferstich von 1514, mit einem Schädel auf der Fensterbank
Albrecht Dürer, Hieronymus im Gehäus, 1514. Der Schädel liegt links auf der Fensterbank, beiläufig, zwischen den Dingen des Arbeitstages. Gemeinfrei.

In den Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts liegt er selten allein. Neben ihm stehen meist Dinge, die Zeit messen oder verbrauchen: eine Uhr, eine eben erloschene Lampe, Bücher, die niemand zu Ende lesen wird. Die Bildsprache ist eindeutig.

Vanitas-Stillleben von Pieter Claesz mit Schädel, Büchern, Taschenuhr und erloschener Lampe
Pieter Claesz, Vanitas-Stillleben, 1656. Schädel, aufgeschlagene Bücher, eine Taschenuhr und eine Lampe, deren Rauchfaden noch in der Luft steht. Kunsthistorisches Museum Wien, gemeinfrei.

Ein Motiv, das Menschen seit Jahrhunderten wichtig genug finden, um es immer wieder aus Stein zu schneiden, braucht keine erfundene Hochkultur als Beglaubigung.

Was das für einen Kauf bedeutet

Vor allem Ehrlichkeit darüber, was man vor sich hat.

Edelstein-Totenkopf aus Amethyst, große Ausführung
Ein Totenkopf aus gewachsenem Amethyst aus unserem Sortiment. Farbverlauf und Zeichnung sind bei jedem Stück anders, weil der Stein so gewachsen ist.

Ein Edelstein-Totenkopf ist ein geschliffenes Objekt aus echtem Naturstein, von Hand geformt, in Farbe und Zeichnung bei jedem Stück anders. Das ist genug. Wer ihn als Erbe einer versunkenen Zivilisation anpreist, verkauft eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, und nicht einmal die beste davon.

Bei uns steht deshalb am Stück, was es ist. Der Amethyst und der Rosenquarz sind gewachsener Quarz. Beim dunklen Netzstein ziehen sich helle Adern durch fast schwarzes Gestein. Der Totenkopf aus einer Calcit-Geode zeigt den natürlichen Hohlraum, aus dem er geschnitten wurde. Und der Opalith ist der einzige der Reihe, der kein Naturstein ist, sondern opalisierendes Glas aus dem Schmelzofen. Das steht so in seiner Beschreibung, und nach allem, was oben steht, gehört es genau dorthin.

Wenn du wissen willst, wie eine Geode entsteht, was sie von einer Druse unterscheidet und woran man gefärbte Stücke erkennt, steht das in unserem Artikel Geoden, Drusen und Kristalle.

In der Steinheilkunde werden den einzelnen Steinen unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben, dem Amethyst die Klarheit, dem Rosenquarz die Zuwendung. Was man davon hält, bleibt jedem selbst überlassen. Der Schädel steht in jedem Fall für etwas Älteres und Nüchterneres: dafür, dass Zeit begrenzt ist.

Unsere Edelstein-Totenköpfe findest du im Shop, jeweils mit Angabe von Material und Maßen.

Bildnachweise

Titelbild und Vitrinenfoto: Kristallschädel im British Museum, Aufnahmen von Vassil, CC0, über Wikimedia Commons. Schädel im Musée du quai Branly: Marie-Lan Nguyen, gemeinfrei, über Wikimedia Commons. Steinschneider am Schleifrad: Kupferstich von B. L. Prevost nach J. N. F. Boucher, Wellcome Collection, CC BY 4.0. Albrecht Dürer, Hieronymus im Gehäus, 1514, gemeinfrei. Pieter Claesz, Vanitas-Stillleben, 1656, Kunsthistorisches Museum Wien, gemeinfrei. Produktaufnahme: Clarunia.